Der "chinesische Weg" – wie China das Virus bezwang - TCM Wissen & Lehre
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Der „chinesische Weg“ – wie China das Virus bezwang

Wie China den Virus bezwang

Der „chinesische Weg“ – wie China das Virus bezwang

Während die westliche Medizin zu Beginn der Corona-Epidemie keine wirksame Behandlungsstrategie für Patienten und Patientinnen hatte, war die Traditionelle Chinesische Medizin etwas zuversichtlicher. Denn sie konnte auf ihre Erfolge in der Behandlung vorangegangener viraler Infektionskrankheiten der Atemwege zurückblicken.

In China waren virale Infektionskrankheiten wie SARS (2002-2003) und MERS (2015) in den letzten Jahren weit verbreitet. Die TCM erzielte bei ihrer Behandlung gute Ergebnisse und konnte gleichzeitig wertvolle Erkenntnisse sammeln. Das Wissen um ihre Entstehung Therapie floss daher auch in die offizielle chinesische Strategie zur Behandlung viraler Infektionskrankheiten ein.

Der „chinesische Weg“ – wie China das Virus bezwang

Die chinesischen Ärzte, die sich im Januar 2020 um die ersten betroffenen Patienten und Patientinnen in Wuhan kümmerten, verwendeten ebenfalls diese Leitlinie. Sie studierten außerdem die klassischen Werke der TCM und nutzten die Kenntnisse, die sie aus der klinischen Beobachtung der Corona-Patienten sammeln konnten.

Die Ärzte des Hubei Provincial Hospital für Integrierte Traditionelle Chinesische und Westliche Medizin behandelten die ersten 52 Patienten unter Leitung der TCM-Experten Prof. Liu Qingquan und Prof. Zhang Boli.

Dabei erzielten sie beachtliche Erfolge:

  • Innerhalb von zwei Tagen verschwanden die Symptome
  • Nach 1,7 Tagen normalisierte sich ihre Temperatur
  • Der durchschnittliche Krankenhausaufenthalt verkürzte sich um 2,2 Tage
  • Bei 22 % der Patienten verbesserte sich das CT -Bild
  • Die klinische Heilungsrate verbesserte sich um 33 %
  • Die Zahl schwerer Erkrankungen ging um 27,4 % zurück

Die Ärzte konnten die Symptome der Patienten und Patientinnen nachweislich lindern und das Fortschreiten der Krankheit aufhalten, so dass sie sich nicht zu einer schweren Form entwickelte. Daraufhin erklärten die Gesundheitskommissionen von 26 chinesischen Provinzen offiziell, dass bei der Behandlung von COVID-19 die integrierte Traditionelle Chinesische und Westliche Medizin genutzt werden sollte.

Prof. Zhang Boli kommt zu dem Schluss, dass „das umfassende, frühzeitige und tiefgreifende Eingreifen der Traditionellen Chinesischen Medizin in die Prävention und Bekämpfung der Epidemie beispiellos war und bemerkenswerte Ergebnisse erzielte.“[1] Ihre Behandlungserfolge bildeten die Grundlage für einen neuen Diagnose- und Behandlungsplan, der aktuell in der 8. Fassung vorliegt.[2]

Wissenschaftliche Forschungsergebnisse belegen die klinische Wirksamkeit der Integrierten Traditionellen Chinesischen und Westlichen Medizin bei der Behandlung von COVID-19. Die Gesamtwirkungsrate der Traditionellen Chinesischen Medizin ist höher als 90 %. Studien konnten außerdem zeigen, dass die TCM gerade bei der Behandlung milder Formen wirkt.

Die klinischen Krankheitssymptome

Um herauszufinden, wie sie die Traditionelle Chinesische Medizin am besten einsetzen konnten, mussten die TCM-Experten zunächst die klinischen Krankheitssymptome von COVID-19 zusammentragen.

Die ersten klinischen Symptome zeigen sich in den oberen Atemwegen durch: Niesen, laufende Nase, verstopfte Nase, Halsschmerzen, Fieber und manchmal auch durch den Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Ist die Krankheit fortgeschritten, wandert sie in die unteren Atemwege bis in die Lunge. Sie geht häufig mit trockenem Husten, manchmal auch einem schleimigen Auswurf, Atemproblemen und Kurzatmigkeit einher.

Das Virus kann aber auch den Verdauungsapparat angreifen. 5-10 Prozent der Patienten leiden unter Symptomen wie Durchfall, Übelkeit, Bauchschmerzen und Blähungen, andere entwickeln nur  Symptome wie Fieber oder Atemnot. Unabhängig davon leiden die Patienten auch unter Kreislaufproblemen, Antriebsschwäche, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und Dehydration.

Krankheitsverlauf

Viele Patienten zeigen zunächst gar keine oder nur leichte Symptome. Doch bei einigen Patienten verschlimmern sie sich nach 5 bis 14 Tagen und es kann sich  eine schwere Erkrankung entwickeln.

Mittelschwerer Verlauf

Trifft  SARS-CoV-2 auf die Lunge, greift das Virus die Lungenbläschen an. Sind sie geschwächt, können Viruspartikel in die Lungenbläschen gelangen und von dort aus auch andere Zellen infizieren.

Daraufhin schickt das Immunsystem Abwehrzellen zur Lunge. Allerdings müssen die Blutgefäße dafür ihre Durchlässigkeit erhöhen. Dadurch können aber nicht nur die Abwehrzellen, sondern auch andere Flüssigkeiten in die Lungenbläschen gelangen. In der Folge kommt es zu einer Entzündung, Schwellungen und Flüssigkeitsansammlungen.

Die Lungenbläschen, die normalerweise mit warmer Luft gefüllt sind, füllen sich mit Viruspartikeln, Abwehrzellen und zerstörten Lungenzellen. Unter dieser Belastung versagt allmählich die Sauerstoffversorgung und die Patienten bekommen Atemprobleme. Im CT ist in diesem Krankheitsstadium eine für das Virus SARS-CoV-2 typische Lungenentzündung sichtbar.

Am Anfang kann der Patient den Schleim noch abhusten oder ihn in größeren Mengen als Auswurf  absondern.

Schwerer Verlauf

Spezialisierte Immunzellen zerstören die abgestorbenen sowie infizierten Lungenzellen. Sie zerstören aber nicht nur das Virus und die infizierten Lungenzellen, sondern auch andere Zellen sowie die Membran der Lungenbläschen.

In schweren Fällen steigt die Temperatur der Patienten und Patientinnen plötzlich auf über 39° C. Sie leiden dann nicht nur unter Atemnot, sondern auch unter Sauerstoffmangel. Die Blutkörperchen schaffen es nicht mehr, den Körpers ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Die Immunreaktion kann bei einem schweren Verlauf der Erkrankung daher auch zu Schäden am Herzen und anderen Organen und dadurch bis zum Tod führen.

Die chinesischen Alt-Ärzte kamen also zu dem Schluss, dass der krankheitsauslösende Faktor Feuchtigkeit (humor) ist, die den Funktionskreis Lunge befällt und zu einer Fehlregulation in weiteren Funktionskreisen des Körpers führen kann. Sie bezeichnen diesen Zustand als „Schrägläufigkeit“/“schrägläufiges Qi“ bzw. „epidemische Heteropathie“.

Sie wird auch als „durch humor-Symptome (‚Feuchtigkeit‘-Symptome) gekennzeichnete epidemische Wärme-Erkrankung“ (shiwen) bezeichnet.[3]

Die angesammelte Feuchtigkeit führt in der Terminologie der TCM zu „Hitze-Toxischem“ und muss so schnell wie möglich ausgeleitet werden.

Behandlungsstrategie

Prof. Liu Qingquan schlug vor, Patienten und Patientinnen, die unter einer Covid-19-Infektion leiden, entsprechend der Schwere ihrer Symptome in leichte, mittelschwere und schwere Formen einzustufen. Die Infektion kann in drei Phasen verlaufen: frühe Infektion, pulmonale Erkrankung und hyperinflammatorische Erkrankung.

Er vertritt die Meinung, dass die TCM-Behandlung in einem möglichst frühen Krankheitsstadium eingeleitet werden sollte. Denn dadurch könne man verhindern, dass sich leichte und mittelschwere zu schweren Formen entwickeln.

Die wichtigsten Medikamente

„Den Funktionskreis Lunge kühlendes und klärendes Dekokt“ (Qing Fei Pai Du Tang)

Aus der Erfahrung in der Behandlung der ersten Corona-Patienten:innen zwischen Januar und März 2020 ging am 17.03.2020 in China die neue Leitlinie zum Umgang mit der COVID-19-Epidemie hervor.

Sie empfiehlt in der klinischen Behandlung der Patienten nach der Beobachtungsphase bei leichten, schweren und kritischen Verläufen als Hauptarznei „Den Funktionskreis Lunge kühlendes und klärendes Dekokt“.[4]

Diese setzt sich zusammen aus 4 klassischen Rezepturen. Sie wird aus 21 Einzelmitteln zusammengestellt die stark eingekocht und in Form eines Sirups eingenommen werden. Er ist eine Kombination von verschiedenen chinesischen Phytopharmaka, die bisher am häufigsten verwendet wurden[5] und zuvor auch schon bei Patienten mit

  • Influenza-A-Virus,
  • H1N1 und H3N2,
  • Vogelgrippe H5N1 und H9N2,
  • SARS sowie
  • Virus EV71

erfolgreich waren.

Bis zum 12.April 2020 wurde es 1.262 Covid-Patienten:innen verordnet (darunter auch solchen mit schweren Verläufen), von denen 1.253 noch während der Studie als genesen entlassen werden konnten.[6]

CT Untersuchungen zeigten bei 53 von 57 Patienten:innen, die die Arznei sechs Tage lang einnahmen, dass sich die typischen Zeichen der Lungenentzündung, sog. Milchglastrübungen zurückgingen. Außerdem trug das Mittel in verschiedenen Krankenhäusern Chinas bei der Mehrheit der behandelten Patienten zu einer deutlichen Besserung der Symptome und insbesondere zur Fiebersenkung bei.

„Klärende Kapsel mit Forsythiae fructus und Lonicerae flos“ (Lianhua qingwen jiaonang)

Die „Klärende Kapsel mit Forsythiae fructus und Lonicerae flos“ ist eine Rezeptur aus 13 Phytopharmaka, die während der SARS-Epidemie entwickelt wurde. Danach wurde sie aufgrund ihrer Wirksamkeit auch in die Leitlinien zur Behandlung anderer infektiöser Erkrankungen der Atemwege aufgenommen.

Die Rezeptur besitzt eine antivirale Breitbandwirkung und immunregulatorische Wirkung gegenüber einer Reihe von Influenzaviren. Es konnte klinisch nachgewiesen werden, dass sie auch bei der Corona-Epidemie wirksam war. Studien zeigten, dass die Symptome von Patienten und Patientinnen, die diese Rezeptur einnahmen, schneller verschwanden als bei den Kontrollgruppen. Außerdem belegten sie die hemmende Wirkung auf die Covid-19-Lungenentzündung.

  • Epidemisches klärend,
  • Toxisches herauslösend,
  • die „Lunge“ entfaltend,
  • „Hitze“ ausleitend,
  • antiviral,
  • die Reproduktionsfähigkeit des Virus‘ hemmend,
  • den Aufbau des Virus beeinflussend und
  • entzündungshemmend.
  • Fieber,
  • Kraftlosigkeit,
  • Husten,
  • Sputum,
  • Kurzatmigkeit,
  • Druckgefühle im Thorax sowie
  • Appetitlosigkeit

von Patienten und Patientinnen, die die Rezeptur über 7- bis 14 Tage eingenommen hatten ( meist 3x 3-4 Kapseln)  deutlich besser wurden. Sie kam zu dem Schluss, dass sie bei der Verbesserung der klinischen Symptome sehr gut wirkt.[7]

 

 

Quellenangaben

[1] https://www.qinax.com/out/media/dokumentation_qingfei_dekokt.pdf

[2] Eine englische Übersetzung gibt es nur bis zur 6. Auflage: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7148673/ (6. Version)

[3] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7474322/
https://www.pacificcollege.edu/news/blog/2020/04/14/coronavirus-and-tcm-part-3-scientific-research-and-clinical-evidence-of-chinese-herbs-with-john-chen

Durch humor-Symptome (‚Feuchtigkeit‘-Symptome) gekennzeichnete epidemische ­Wärme-Erkrankung“ (shiwen濕瘟): Untersuchung der klinischen Merkmale von Covid-19 in Shanghai

[4] Dokumentation, Den Funktionskreis Lunge kühlendes und klärendes Dekokt (Qingfei paidu tang), August 2020, C.H. Hempen: 15

[5] Ebd.: 37

[6] Ebd.: 46

[7] Hu K, Guan WJ et al. Efficacy and safety of Lianhuaqingwen capsules, a repurposed Chinese herb, in patients with coronavirus disease 2019: A multicenter, prospective, randomized controlled trial. Phytomedicine. 2020 May 16:153242. doi: 10.1016/j.phymed.2020.153242. Epub ahead of print. PMID: 32425361; PMCID: PMC7229744.

Autorinnen:
Nadine Ebert, Dr. Sabine Brommer